Messe Essen: Startschuss für die Modernisierung

Oliver P. Kuhrt im Gespräch.

Nach einer intensiven Planungsphase fiel in Essen der Startschuß für die Modernisierung des Messegeländes. Gemeinsam eröffneten Essens Oberbürgermeister Thomas Kufen und Messechef Oliver P. Kuhrt einen Info-Pavillon als Symbol für den Bauauftakt. Damit haben die Arbeiten an der Neuen Messe Essen offiziell begonnen. In der ersten Bauphase entsteht im Eingangsbereich Ost ein 2 000 qm großes Glasfoyer und damit eine Visitenkarte der Messe. Im Inneren des Geländes liegt der Fokus auf der klaren, eingeschossigen Strukturierung der Hallen und auf der technischen Modernisierung.

Eine offene, funktionelle Architektur, einfache Orientierung, flexible Logistik und moderne Technik charakterisieren die Neue Messe Essen. „Mit dem heutigen Baubeginn entsteht am Standort Essen ein Messegelände, das zu den modernsten in ganz Deutschland gehört“, kommentiert Thomas Kufen: „Ich freue mich sehr, daß wir mit diesem Projekt die Standortvorteile unserer Stadt ausbauen und uns Gästen aus aller Welt als attraktiver Marktplatz präsentieren können.“
Das Modernisierungskonzept stellt die Ansprüche von Ausstellern und Besuchern in den Mittelpunkt. „Wir haben unseren Kunden genau zugehört und setzen ihre Erwartungen an ein zeitgemäßes Messegelände konsequent um“, erläutert Oliver P. Kuhrt.

Im Detail sieht das Konzept die klare Strukturierung der Hallen vor. So entstehen aus 18 mitunter kleinteiligen nun acht große. Das vereinfacht die Orientierung und Logistik und bietet auch dem Standbau neue Möglichkeiten. Zukünftig lassen alle Hallen auch einen zweistöckigen Standbau zu.

In der ersten Bauphase entsteht das architektonische Highlight der Neuen Messe Essen. Das rund 2 000 qm große, moderne Glasfoyer im Einfangsbereich Ost ist einladender Startpunkt in den Messetag und durch sein markantes, weit auskragendes Vordach direkt an die U-Bahn angebunden. Die Fertigstellung des Foyers im Spätherbst 2017 bildet den Abschluß der ersten Bauphase und gibt Anlaß zu einer großen Eröffnungsgala, die die Messe Essen mit zahlreichen Gästen feiert.
An das Foyer schließen sich dann neue Tagungs- und Kongreßräumlichkeiten verschiedener Größen an, die alle mit neuester Veranstaltungstechnik ausgestattet und der wachsenden Nachfrage nach Konferenzfläche gerecht.

2019 befindet sich das gesamte Messegelände auf einem einheitlich hohen technischen Niveau. Die Einrichtung einer VIP-Lounge mit eigenem Eingang und separater Zufahrt rundet den neuen Auftritt ab. Hier haben Besucher Gelegenheit, sich in ansprechendem Ambiente zu Gesprächen zurückzuziehen, oder sich einfach eine Auszeit vom Messetrubel zu nehmen.

Diese Entwicklung war Anlaß eines Gesprächs mit Oliver P. Kuhrt, der seit etwa zwei Jahren an der Spitze der Messe Essen steht.

NFh: Messen in Deutschland, was fällt Ihnen dazu ein?

Oliver P. Kuhrt: Messen in Deutschland zählen nach wie vor zu den wichtigsten Maßnahmen im Marketing-Mix von Unternehmen verschiedenster Branchen, was ja keine Selbstverständlichkeit ist. Zu Beginn der Digitalisierung war überall zu hören, der neue Marktplatz Internet werde den persönlichen Austausch auf Messen verdrängen. Aber das Gegenteil ist passiert. Wir haben jedes Jahr Wachstumsraten, die in der freien Wirtschaft in Teilen gar nicht generiert werden. Insofern sind Messen grundsätzlich gut aufgestellt. Das gilt auch für die Messe Essen, vor allem vor dem Hintergrund der neuen Strukturen, in denen wir am Markt agieren und der Modernisierung, nach deren Abschluß wir über eines der modernsten Messegelände in Deutschland verfügen. Deshalb haben wir allen Grund zum Optimismus.

NFh: Wir wollen gleich noch über Messen in Essen sprechen, jetzt will ich gerne auf die internationale Schiene kommen. Was unterscheidet eigentlich Messen in Deutschland von Messen international?

Oliver P. Kuhrt: Der inhaltliche Zweck ist faktisch der Gleiche. Deutschland ist Messeweltmeister und praktisch Mutter vieler Leitmessen. Hier hat das alles einmal angefangen. Ungefähr 70% aller Weltleitmesen finden hier statt. Unsere Messegesellschaften gehen jedoch auch gerne ins Ausland, weil sie zum einen sicherstellen wollen, daß sie Märkte besetzen, bevor es andere tun, und so ihre Branchenkompetenz in den neuen Markt hineintragen. Auf der anderen Seite dient die Präsenz in anderen Märkten aber auch dazu, Besucher aus dem Ausland zu motivieren, die Heimatveranstaltung zu besuchen, egal ob das in Essen, Frankfurt oder München ist. Der direkte Bezug zwischen den Auslandsaktivitäten unserer Messemarken und der wachsenden Besucherzahl aus der entsprechenden Region läßt sich klar belegen.

NFh: Wenn ich das richtig sehe, unterscheiden sich Messen im Ausland von den bei uns ja wohl dadurch, daß die Städte die Träger der Messegesellschaften sind, und im Ausland Messegesellschaften agieren, die unabhängig sind. Ist das richtig?

Oliver P. Kuhrt: Vereinfacht gesagt, ja. Wir haben in Deutschland eine Struktur, in der Messegesellschaften in der Regel in öffentlicher Hand liegen. Zudem vermieten deutsche Messegesellschaften ihr Gelände nicht nur, sondern sind selbst als Veranstalter für Messemarken verantwortlich. Das ist im Ausland nicht überall der Fall. Da gibt es meist eine Gesellschaft, die über Hallen und Kongreßfläche verfügt und diese an einen Gastveranstalter vermarktet, der dann für die komplette Organisation und Durchführung seiner Veranstaltung verantwortlich ist.

NFh: Deutsche Messegesellschaften waren in der Vergangenheit ja immer hochdefizitär. Trotzdem sind sie von den Städten immer getragen worden. Wie ist denn die Situation in Essen?

Oliver P. Kuhrt: Es gibt eigentlich nur zwei Messegesellschaften in Deutschland, die wirtschaftlich von ihren Gesellschaftern unabhängig sind, nämlich Frankfurt und Düsseldorf. Alle anderen sind zyklusabhängig mehr oder weniger auf die Unterstützung von ihren Gesellschaftern angewiesen. Das liegt daran, daß es je nach Veranstaltungsturnus starke und weniger starke Jahre gibt. So ist das Jahr 2016 für uns beispielsweise ein sehr erfolgreiches Jahr, in dem wir dank eines prall gefüllten Messekalenders nahezu ein ausgeglichenes Ergebnis erzielen. Dann gibt es wieder andere Jahre, wie das letzte, in denen wir vergleichsweise wenig ertragreiche Veranstaltungen haben, so daß wir dies auf eigener Kraft nicht schaffen können.

NFh: Denken Sie, daß man irgendwann ’mal aus den Defiziten rauskommen könnte?

Oliver P. Kuhrt: Das wird sicher jeder auf seine Weise versuchen. Wir investieren in unsere Zukunftsfähigkeit, indem wir unser Messegelände modernisieren und in architektonischer und technischer Hinsicht höchste Ansprüche erfüllen. Am 2. Mai sind die Umbauarbeiten gestartet, nach deren Abschluß wir die Grundvoraussetzungen erfüllen, um wettbewerbsfähig zu bleiben, den Bestand zu halten und neue Veranstaltungen zu akquirieren.

Aber ein modernes Gelände allein verschafft natürlich noch keine nachhaltig erfolgreiche Position am Markt. Die innerbetriebliche Aufstellung ist mindestens genauso wichtig. Im Zuge unseres internen Restrukturierungsprogramms haben wir uns daher erstmals mit einem eigenen Vertriebsbereich aufgestellt und neben vielen weiteren Maßnahmen unsere Unternehmensentwicklung gestärkt, um nicht nur neue Aussteller, sondern auch neue Veranstaltungen nach Essen zu locken. Gleichzeitig greift seit letztem Jahr unser Effizienzprogramm, in dessen Rahmen wir kostentechnisch vieles auf den Prüfstand gestellt und neue Organisationsstrukturen geschaffen haben. Wir sind gut gestartet und haben im letzten Jahr ein deutlich besseres Ergebnis erzielt als zunächst geplant. Der Dreiklang aus Modernisierung, stärkerer Vertriebs- und Neugeschäftsorientierung und schlankeren Prozessen bleibt nicht ohne Wirkung am Markt. Wir werden wieder zu Ausschreibungen eingeladen und gewinnen diese auch. Das wäre vor zwei oder drei Jahren gar nicht möglich gewesen. Essen war nicht mehr auf dem Radar der Messeveranstalter und bewegte sich kaum aus dem eigenen Strafraum heraus. Heute greifen wir wieder an.

NFh: Dann wären wir also dick im Thema Messe Essen drin. Die neue Messe, wie stellt sie sich dar, wird sie wesentlich größer sein als bisher?

Oliver P. Kuhrt: Nein, es bleibt bei der bisherigen Geländegröße. Im Fokus der Modernisierung steht neben dem Bau unseres zeitgemäßen Glasfoyers der Wegfall der Obergeschoßhallen. Dadurch reduziert sich unsere Flächenbilanz zwar zunächst, was wir jedoch durch eine neue Hallenstrukturierung und den Überbau von Freiflächen kompensieren können.

NFh: Es ist einleuchtend, daß ein Obergeschoß nicht sehr günstig ist, weil niemand gern mit Ständen und Equipment nach oben will. Aber ist es nicht vielleicht doch zu wenig Fläche, um in dem Reigen der Weltmessen mitzuspielen?

Oliver P. Kuhrt: Die Weltmessen, um die es geht, sind ja nicht immer flächenmäßig die größten Veranstaltungen. Es gibt zahlreiche Weltmessen, die deutlich weniger als 100 000 qm benötigen, um ihre gesamte Branche an einem Ort zusammen zu bringen. Nehmen Sie beispielsweise unsere Metpack – eine Weltleitmesse, die bei uns in Essen optimale Rahmenbedingungen findet. Für Fachmessen dieser Größe ist die Messe Essen der richtige Standort. Daß Größe nicht das alleinige Kriterium ist, hat auch die Messe Nürnberg eindrucksvoll belegt. Als Standort im Spannungsfeld zwischen München und Stuttgart agiert sie sehr beweglich am Markt.

NFh: So etwas wollen sie im Westen werden, also im Spannungsfeld von Düsseldorf und Köln?

Oliver P. Kuhrt: Ja.

NFh: Sie sprachen eben davon, daß Sie neue Messen akquirieren, was das ist …

Oliver P. Kuhrt: In der jüngsten Zeit ist es uns gelungen, Gastveranstaltungen und Kongresse aus den verschiedensten Branchen nach Essen zu holen. So haben wir uns beispielsweise in der Ausschreibung um die Intergeo durchgesetzt, die 2022 in Essen stattfinden wird. Premiere feierte im vergangenen September bereits der fwv Kongreß mit begleitender Travel Expo in Essen. Eine Veranstaltung, die zuvor lange Jahre in Köln stattfand und als der Pflichttermin in der deutschen Reisebranche gilt. Noch in diesem Jahr kommt der Deutsche Juristentag nach Essen zurück, in dessen Zuge rund 3 000 Juristen aus ganz Deutschland im Congress Center Essen zusammenkommen. Bevor im Frühsommer 2017 die ReTEC, eine internationale Investitionsgütermesse für Gebrauchtmaschinen, ihren festen Platz in unserem Messekalender erhält, freuen wir uns 2016 auf unser neues Veranstaltungskonzept GastroTageWest, das wir gemeinsam mit der AFAG durchführen. Die AFAG veranstaltet bereits eine vergleichbare Messe in Nürnberg und strahlt von dort aus nach Süddeutschland, Italien und die Schweiz aus.

NFh: Soll das so etwas werden wie die hogatec?

Oliver P. Kuhrt: Der Fokus der GastroTageWest liegt – neben der regionalen Ausrichtung auf den westdeutschen Raum – ganz klar auf dem Food- und Getränke-Bereich. Hier präsentieren wir ein wesentlich umfangreicheres Angebot, als es bei der hogatec der Fall war. Im Mittelpunkt stehen dabei insbesondere aktuelle Trendthemen wie Food-Trucks und Street Food, über die sich die Besucher ausführlich informieren können. Ergänzend deckt die GastroTageWest Themenbereiche wie Küchentechnik, Einrichtung und Ausstattung sowie Dienstleistungen ab.

NFh: Herr Kuhrt, wir danken für das Gespräch.

Erstveröffentlichung in NFh Nr.07/16




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